Alle News vom JFV

und jeden Tag etwas NEUES

Torwarttraining: „Heute stehen richtige Athleten im Tor“

 Im Interview erklärt er seine Ideen und Ansätze.

 

Von Tim Scholz, Jan Bröhan und Daniel Berlin

 Herr Rechner, früher hieß es immer, die Dicken stehen im Tor. Waren Sie früher auch ein Moppelchen?

Das war ganz früher sicher mal der Fall. Heute haben wir im Tor richtige Athleten – schnellkräftige, bewegliche und explosive Torhüter. Ich selbst war natürlich auch ein Top-Athlet (lacht).

Ihrer sportlichen Vita ist zu entnehmen, dass Sie Ihre Karriere als Torhüter früh beendet und sich der Torwartausbildung gewidmet haben. Welche Ansätze verfolgten Sie damals?

Ich war fünf Jahre Profi und habe sieben Mal 2. Bundesliga gespielt. Für ganz oben hat es bei mir nicht gereicht. Deshalb habe ich früh entschieden, ein Sport-Studium abzuschließen und meine Trainerscheine zu machen. Im Nachhinein war es die genau richtige Entscheidung. Ich bin erst 37 Jahre alt– habe aber schon elf Jahre Trainererfahrung. Die hilft mir enorm weiter.

Was macht Ihr Torwarttraining so besonders?

Unser Torwarttraining ist aus meiner Sicht nicht besonders – es fließen einfach mehrere Faktoren ein: eigene Spiel-Erfahrung, meine Ausbildung, meine Ideen, meine Hospitationen, die fantastische Zusammenarbeit mit dem gesamten Team. Zum Beispiel haben wir mit Julian Nagelsmann einen Cheftrainer, der mir viele Freiheiten gibt und der vor allem sehr viel Vertrauen und Wertschätzung der Torwartabteilung entgegenbringt. Er ist ein ganz wichtiges Element in der Entwicklung der Torhüter.

Worin liegen die Vorteile des Software-basierten Torwarttrainings?

Die Vorteile sind eindeutig: Durch die Dokumentation von Training und Spiel erhalten wir viele Daten. Diese nutzen wir wiederum für unsere Trainingssteuerung und unsere Trainingsinhalte. Wir können einfach analysieren, in welchen Situationen Tore fallen, diese Situationen stellen wir dann im Training nach. Spielnahes Torwarttraining nennen wir das. Dazu hilft uns die Software in der Kommunikation im Verein. Alle Trainer arbeiten damit und somit sind alle Torwarttrainer auf einem Wissensstand.

Setzen Sie beim Scouting der Torhüter auch auf Technik – oder auf das altbewährte Beobachten im Stadion sowie Sichten von Videomaterial?

Sowohl als auch. Natürlich halten wir auch viele Daten in der Software fest und entscheiden anschließend. Trotzdem sind der Live-Eindruck und das Gefühl, welches man entwickelt, immer das Entscheidende am Ende.

Inwieweit unterscheidet sich Ihr Torwarttraining zu anderen Profimannschaften?

In vielen Profiteams wird hervorragend gearbeitet. Nicht von alleine haben wir in Deutschland die besten Torhüter der Welt. Wir geben uns in Hoffenheim sicher sehr viel Mühe – trotzdem gibt es auch viele andere Klubs mit erstklassiger Arbeit in diesem Spezialbereich.

Woran lässt sich der mögliche Erfolg Ihres Torwarttrainings festmachen? Müssten die Hoffenheimer Keeper inzwischen nicht besser sein als Manuel Neuer?

Für mich sind mehrere Faktoren wichtig. Ganz oben steht für mich das Teamwork in drei Bereichen. Die Zusammenarbeit im Torwartteam, die Arbeit mit den Torwarttrainern im gesamten Klub und die Arbeit im Trainerstab der Profimannschaft. In allen drei Bereichen haben wir eine fantastische Zusammenarbeit – darauf bin ich sehr stolz. Natürlich sind wir mit der Entwicklung unserer Jungs auch sehr zufrieden. Oli Baumann ist ein absoluter Rückhalt unserer Mannschaft und hat wesentlich zur Champions League-Qualifikation beigetragen. Dazu haben wir mit Marvin Schwäbe (aktuell an Dresden ausgeliehen und aktueller U 21-Nationaltorwart, Anm. d. Red.) und Gregor Kobel (aktueller U 21-Nationaltorwart der Schweiz, Anm. d. Red.) zwei Top-Torwarttalente aus unserer Akademie im Profikader integriert. Alex Stolz, unser Backup, komplettiert dieses tolle Team. Manuel Neuer bleibt trotzdem unerreicht (lacht).

Wie hat sich das Torwartspiel in den vergangenen Jahren verändert?

Das Spiel hat sich sicher verändert. Die Spieleröffnung wird immer bedeutender – gerade bei Ballbesitzteams wie Hoffenheim. Dazu wird auch vermehrt ein Torwart benötigt, der mutig den Raum verteidigen kann. Trotzdem ist und bleibt die Torverteidigung die elementare Grundlage. Nur wenn du Unhaltbare verteidigst, bist Du ein Weltklasse-Torwart – wie Neuer, Buffon oder Courtois.

Ist das Beispiel Buffon oder auch Kahn nicht auch der Beweis dafür, dass ein guter Torhüter einfach ein guter Torhüter ist?

Man benötigt heute die beschriebenen drei Elemente: Torverteidigung, Raumverteidigung und Spieleröffnung. Nur wenn ein Torwart in allen drei Bereichen erstklassig ist, wird er auch ein Top-Torhüter sein können.

 

Die Kooperation

Horst Lemke. Foto Fupa/Harneit

Michael Rechner aus Hoffenheim kooperiert in einer Keeper Academy mit dem JFV Ahlerstedt/Ottendorf/Heeslingen und dem Torwart-Koordinator des Vereins, Horst Lemke. Lemke wird vom 23. August bis zum 1. November jeweils mittwochs zwischen 16.30 und 17.30 Uhr auf dem Sportplatz am Auetal in Ahlerstedt Kinder und Jugendliche der Jahrgänge 2002 bis 2007 trainieren. Dabei vermittelt Lemke den Teilnehmern die Ausbildungs-Philosophie von Michael Rechner. Horst Lemke agiert seit 25 Jahren als spezifischer Torwarttrainer. Als Spieler und Aktiver war der heute 60-Jährige beim Bremervörder SV, bei Blau Weiß 90 Berlin, dem VfL Stade und dem TuS Heeslingen unterwegs. In Berlin lernte Lemke den jungen Rüdiger Vollborn kennen, der dann als Profi nach Leverkusen wechselte. Vollborn und Lemke trainieren viel gemeinsam. Beim VfL Stade erlebte Lemke die erfolgreiche Zeit in der Oberliga. Seit fünf Jahren koordiniert Lemke die Torhüter beim JFV A/O/H und ist dabei für 15 Keeper von der U 13 bis zur U 19 zuständig.

Michael Rechner lernte Lemke ebenfalls vor fünf Jahren bei einem Torwartkongress in Leipzig kennen. Zwei Jahre später verfestigte sich der Kontakt bei einem Workshop. Seither nutzt Lemke die Software von Rechner für das Torwarttraining beim JFV A/O/H und gibt dem Profi regelmäßig Feedback, wie das System an der Basis und in der Jugendarbeit funktioniert.

Interessierte können sich für die Keeper Academy anmelden. Zehn Trainingseinheiten sind in Ahlerstedt vorgesehen. Es gibt ein Training mit Michael Rechner zu gewinnen. Das Training kostet 199 Euro. Anmeldungen: telefonisch unter 01 52/ 26 73 34 95 oder 0 62 23/ 9 72 14 22, per Mail unter info(at)goalkeeping-development.com oder unter www.goalkeeping-development.com

 

Zur Person

Der Ex-Profi Michael Rechner (37) hat nach dem Ausstieg beim FC Zuzenhausen im Jahr 2009 seine Karriere als Fußballer endgültig beendet und eine Laufbahn als Torwarttrainer eingeschlagen. Nachdem er bereits 2008 die Torhüter der U 19 der TSG 1899 Hoffenheim trainiert hatte, wechselte er nach fünf Jahren zur zweiten Mannschaft. Seit 2015 steht Rechner in Hoffenheim unter Vertrag.

In seiner Karriere als Profi hat Michael Rechner für zahlreiche Vereine in Deutschland gespielt. Begonnen hat die aktive Laufbahn des gebürtigen Mosbachers in der U 19 des SV Waldhof Mannheim. Danach stand er bei acht weiteren Vereinen unter Vertrag – bevor er sich als Torwarttrainer einen Namen machte. Unter anderem spielte Michael Rechner in der Saison 2001/02 für die zweite Mannschaft des Hamburger SV. Im Jahr 2004 nahm der heute 37-Jährige ein Studium der Sportwissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg auf.

2011 entwickelte Michael Rechner mit seinem Projekt „Goalkeeping Development“ eine torwartspezifische Software, die mittlerweile nicht nur von der TSG 1899 Hoffenheim, sondern auch von Torwarttrainern im Amateurbereich genutzt wird. In diesem Jahr gründete Rechner seine eigene Firma, die Goalkeeping Development GmbH.

zurück